Begriff­liche Abgren­zung

In Deutschland und Österreich ist anstelle von Illettrismus die Bezeichnung «funktionaler Analphabetismus» gebräuchlich:

Funktionaler Analphabetismus ist gegeben, wenn die schriftsprachlichen Kompetenzen von Erwachsenen niedriger sind als diejenigen, die minimal erforderlich sind und als selbstverständlich vorausgesetzt werden, um den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Diese schriftsprachlichen Kompetenzen werden als notwendig erachtet, um gesellschaftliche Teilhabe und die Realisierung individueller Verwirklichungschancen zu eröffnen. Definition nach Egloff et al. (2011) im Rahmen des deutschen staatlichen Förderschwerpunktes «Forschung und Entwicklung zur Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener»

Ob eine Person als funktionaler Analphabet gilt, hängt aber nicht nur von ihren jeweiligen Lese- und Schreibkompetenzen ab, sondern auch davon, welches Niveau an Schriftsprachfertigkeiten in der Gesellschaft, in der diese Person lebt, erwartet werden. Von funktionalem Analphabetismus ist folglich auszugehen, wenn das individuelle Kompetenzniveau unter dem gesellschaftlich geforderten Wissensstand liegt und letzteres als selbstverständlich angesehen wird. Besonders in Industriestaaten gelten hohe Anforderungen an die Beherrschung der Schriftsprache. Daher zählen auch Personen zu den funktionalen Analphabeten, die über begrenzte Lese- und Schreibkenntnisse verfügen: etwa wenn eine Person nicht in der Lage ist, aus einem einfachen Text eine oder mehrere direkt enthaltene Informationen sinnfassend herauszufiltern und/oder sich beim Schreiben auf einem vergleichbaren Kompetenzniveau befindet.

Nicht zu den funktionalen Analphabeten werden Menschen gezählt, die keine obligatorische Schulpflicht absolviert haben (sogenannte ‘primäre’ Analphabeten), die als Migranten Schwierigkeiten mit der lokalen Landessprache bekunden, die in einer anderen Schrift alphabetisiert wurden oder die sich infolge gesundheitlicher Beschwerden keine schriftsprachlichen Kompetenzen aneignen konnten. Um eine Verwechslung mit anderen Formen von Analphabetismus zu vermeiden und um einen einheitlichen Begriff in allen Sprachregionen zu verwenden, wird in der Schweiz der Ausdruck «Illettrismus» bevorzugt.

Illettrismus (funktionaler Analphabetismus) wird teilweise – oft unzulässig – mit der Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) und Legasthenie (Dyslexie) gleichgesetzt. Im Kern der beiden letztgenannten Begriffe stehen Krankheitsbilder im Vordergrund, bei denen die direkt beobachtbaren Symptome zentral sind. Als primäre Ursache wird von einer neurologischen Störung ausgegangen, die vermutlich einen genetischen Hintergrund hat. Im Gegensatz zu Illettrismus wird kaum auf die gesellschaftlichen Anforderungen des Alltags geachtet, entsprechend stehen auch nicht die Probleme im Vordergrund, die resultieren, wenn schriftsprachliche Kompetenzen nicht beherrscht werden. Es gilt ausdrücklich festzuhalten, dass Illettrismus kein Krankheitsbild beschreibt. Allgemein ist aber dennoch feststellbar, dass eine grosse Unschärfe bei der Abgrenzung bzw. der Verwendung dieser verschiedenen Fachbegriffe besteht.

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Literaturhinweise:

Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS), Jürg Guggisberg, Patrick Detzel und Heidi Stutz. 2007. Volkswirtschaftliche Kosten der Leseschwäche in der Schweiz, Hrsg. Bundesamt für Statistik.

Carigiet, Erwin (Hrsg.). 2003. Wörterbuch der Sozialpolitik. Zürich: Rotpunktverlag.

Egloff, Birte, Peter Hubertus, Michael Grosche und Jascha Rüsseler. 2011. Funktionaler Analphabetismus im Erwachsenenalter: eine Definition. In Zielgruppen in Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener: Bestimmung, Verortung, Ansprache, Hrsg. Projektträger im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Bielefeld: Bertelsmann.

Notter, Philipp, Claudia Arnold, Emanuel von Erlach und Philippe Hertig. 2006. Lesen und Rechnen im Alltag: Grundkompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz Hrsg. Bundesamt für Statistik. Neuchâtel: Office fédéral de la statistique (OFS).

Weitere verwendete Literatur

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