Gesell­schaft­liche Folgen

Individuelle Lese- und Schreibschwächen haben nicht nur Auswirkungen auf die Betroffenen selbst, sondern auch auf ihr Umfeld und letztendlich auf die ganze Gesellschaft. Im näheren Umfeld bedeutet das oft erhöhten Stress, der nicht nur Folgen für die eigene Gesundheit hat, sondern auch das private und berufliche Umfeld in vielerlei Hinsicht betrifft. Da Menschen mit Lese- und Schreibschwäche für sie schwierige Aufgaben häufig vermeiden oder delegieren, sind sie auf Vertrauenspersonen (Kinder, Eltern oder Freunde) angewiesen, die diese erledigen. Als Folge ist zum einen die Zuweisung von Verantwortung oft nicht klar geregelt. Zum anderen sind Rollen nicht sinnvoll definiert und können nicht gelebt werden. Die damit verbundenen Unsicherheiten sind nicht nur für die Betroffenen belastend, sondern für alle von ihr abhängigen beziehungsweise für sie verantwortlichen Personen.

Weitreichend sind die Folgen zudem für Betriebe und die Volkswirtschaft wie nachfolgende Beispiele aufzeigen:

  • Beschränkte Einsetzbarkeit des Personals
  • Personalausfälle durch stressbedingte Krankheiten
  • Mangel an Fachkräften
  • Produktionsausfälle und erhöhte Produktionsrisiken infolge falsch verstandener Arbeits-anweisungen und/oder wenig effizienter Produktionsabläufe
  • Ungenutztes Leistungspotenzial mit prekären Lebensverhältnissen und fehlender Kaufkraft als Folge

Eine vom Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) erstellte Studie (2007) zu den volkswirtschaftlichen Kosten des Illettrismus stuft das Risiko für Betroffene, erwerbslos zu werden oder zu bleiben, als sehr hoch ein. Laut der Studie betragen die durch Illettrismus verursachten Erwerbs- und Steuerausfälle und die Ausgaben der sozialen Werke (ALV, Sozialhilfe, IV) für die Schweiz Kosten im Umfang von mehr als eine Milliarde Franken pro Jahr:

Es ist die Gesellschaft als Ganzes, die fast eine Milliarde Franken im Jahr dafür bezahlt, dass es nicht gelingt, die Leseschwäche eines Anteils von 16.4 Prozent der Erwerbsbevölkerung zu beheben.Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien 2007

Neben den finanziellen Auswirkungen stellen sich aber auch Fragen zu den – nicht quantifizierbaren – gesellschaftlichen Auswirkungen des teilweisen oder vollständigen Ausschlusses von Menschen mit Lese- und Schreibschwäche. Die Komplexität wird durch folgende Fragestellungen veranschaulicht:

  • Was bedeutet Illettrismus für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das Zusammenleben?
  • Welche Folgen hat Illettrismus auf die politische Partizipation?
  • Ist die Chancengleichheit bei Illettrismus gewährleistet?
  • Welchen Einfluss hat Illettrismus auf die hiesige Kultur?
  • Welche Auswirkungen hat die Lese- und Schreibschwäche auf das gesellschaftliche Zusammenleben?

Viele dieser Fragen sind wissenschaftlich kaum erforscht und werden im gesellschaftlichen Diskurs nicht ausreichend berücksichtigt. Die Sensibilisierung von Direktbetroffenen, Vermittlerpersonen und der breiten Öffentlichkeit hilft, dass diese und ähnliche Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert werden. Und damit letztendlich Auswege für Betroffene gefunden werden können, um die Situation zu entspannen und zur Integration aller Bevölkerungsgruppen in die Gesellschaft beizutragen.

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Literaturhinweise:

Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS), Jürg Guggisberg, Patrick Detzel und Heidi Stutz. 2007. Volkswirtschaftliche Kosten der Leseschwäche in der Schweiz, Hrsg. Bundesamt für Statistik.

Carigiet, Erwin (Hrsg.). 2003. Wörterbuch der Sozialpolitik. Zürich: Rotpunktverlag.

Egloff, Birte, Peter Hubertus, Michael Grosche und Jascha Rüsseler. 2011. Funktionaler Analphabetismus im Erwachsenenalter: eine Definition. In Zielgruppen in Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener: Bestimmung, Verortung, Ansprache, Hrsg. Projektträger im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, Bielefeld: Bertelsmann.

Notter, Philipp, Claudia Arnold, Emanuel von Erlach und Philippe Hertig. 2006. Lesen und Rechnen im Alltag: Grundkompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz Hrsg. Bundesamt für Statistik. Neuchâtel: Office fédéral de la statistique (OFS).

Weitere verwendete Literatur

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